Mattheus Els – Rolfing München | Der sechste Sin
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Der sechste Sin

04 May Der sechste Sin

Ohne die Nerven in den Faszien fehlt uns das Körperbewusstsein

„The Man Who Lost His Body“ („Der Mann, der seinen Körper verlor“) – unter diesem Titel berichtete der britische Sender BBC 1998 über Ian Waterman, der aufgrund einer Autoimmunkrankheit die sogenannte Propriozeption verloren hatte, das Gefühl für die Bewegungen des eigenen Körpers. Dieser „sechste Sinn“ begleitet uns im Alltag, ohne dass wir uns dessen bewusst werden. Er ist ohne die Faszien nicht denkbar, die uns nicht nur stützen, sondern auch für einen ständigen Fluss von Signalen zwischen den Muskeln, dem Rückenmark und dem Gehirn sorgen. Die Propriozeption ist ein wesentlicher Ansatzpunkt vieler Trainingsprogramme und Lehren wie Rolfing, Yoga, Feldenkrais oder der Alexander-Technik.

Das Schicksal Ian Watermans zeigt, welche Rolle dabei die Nerven spielen, die die Faszien durchziehen. Bei Waterman wurden sie infolge einer Infektion und der darauf folgenden überschießenden Immunreaktion des Körpers zerstört. Im Alter von nur 19 Jahren – er lebte bis dahin als Metzger auf der Kanalinsel Jersey – war Waterman so gut wie gelähmt. Der junge Mann konnte zwar noch im Liegen seine Arme und Beine heben, aber er konnte diese Bewegungen nicht sicher koordinieren. Auch seinen Tastsinn hatte er vom Hals bis zu den Füßen verloren, während die Empfindung für Schmerz und Temperatur erhalten blieb. Nur mit äußerster Mühe schaffte er es überhaupt, von seinem Rollstuhl aufzustehen. Immer wieder versagte seine Fähigkeit, seine Gliedmaßen zu kontrollieren. Beispielsweise rutschte seine Hand im Krankenhaus auf die Brust der Krankenschwester, die ihn gerade wusch, wofür ihm die Frau eine Ohrfeige verabreichte.

Durch Training zu neuer Beweglichkeit
Immerhin gelang es Ian Waterman nach intensivem Training über fast zwei Jahre hinweg, seine Gliedmaßen bewusst zu steuern: Dabei spannt er gezielt einzelne Muskeln an, kontrolliert die daraus resultierende Bewegung mit den Augen und korrigiert sie bei Bedarf. Auf diese Art begann er zunächst, vom Bett oder von einem Stuhl aufzustehen, schließlich sogar zu gehen.
Jedoch braucht er stets den Blickkontakt mit seinen Beinen. In einem dunklen Raum fehlt ihm jegliche Information darüber, in welcher Stellung sich seine Beine befinden, wohin sein Körper zu kippen droht – er fällt zu Boden. Ähnliches passiert, wenn Waterman Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren, wenn er beispielsweise unter einer schweren Erkältung leidet. Alkohol ist für ihn tabu, denn jeder Schwips würde ihn buchstäblich aus dem Gleichgewicht bringen.

Verschiedene Arten von Nervenendigungen im gesunden Bindegewebe
Gesunde Menschen mit einer intakten Propriozeption brauchen diese Konzentration im Alltag nicht – aber auch für sie ist ein bewusstes Training der Körperwahrnehmung hilfreich. Yoga, andere Trainingsmethoden oder auch Tanzen sprechen gezielt das feine Netz von Nerven an, dass die Muskeln und die Faszien durchzieht.
Um zu verstehen, wie genau dabei Signale übermittelt werden, macht ein Blick durchs Mikroskop Sinn. Dabei zeigen sich verschiedene Nervenendigungen: Die sogenannten Pacini-Körperchen, die rasche Veränderungen des Druckes registrieren, die Ruffini-Körperchen, die eher stete Druck-Veränderungen wahrnehmen, sowie die sogenannten Golgi-Apparate, die auf Kontraktionen der Muskeln ansprechen.

Auswirkungen auch aufs vegetative System
Besonders wichtig sind außerdem die sogenannten interstitiellen Rezeptoren, die für Druck, Schmerz und Temperatur sensibel sind. Sie stehen mit dem vegetativen Nervensystem in Verbindung, das unter anderem die Verdauung und den Pulsschlag steuert. Vor diesem Hintergrund überrascht nicht, dass ein elastisches, bewegliches Fasziensystem in der Regel nicht nur mit einer guten Koordination, sondern auch mit allgemeinem körperlichem Wohlbefinden einhergeht. Und es leuchtet ein, dass Rolfing nicht nur auf das Bindegewebe, die Muskeln und Gelenke wirkt, sondern dass es auch unseren Kreislauf und den Stoffwechsel positiv beeinflusst.

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