Mattheus Els – Rolfing München | Webfehlern auf der Spur
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Webfehlern auf der Spur

30 Mar Webfehlern auf der Spur

Wird das Bindegewebe gedehnt, organisieren sich die Faszien neu

Rolfing arbeitet – ähnlich wie Yoga – mit Elementen des Stretchens, das die meisten von uns mit Dehnübungen vor oder nach dem Sport in Verbindung bringen. Intuitiv haben wir das Gefühl, dass uns das Dehnen guttut – aber was genau passiert dabei eigentlich? Viele Sportler stellen sich ihre Muskeln und das Bindegewebe ähnlich wie eine Feder vor, die auf Spannung gebracht wird. Aber die Vorgänge, die mit dem Dehnen in Gang gesetzt werden, sind viel umfassender. Das Bindegewebe wird nicht passiv verformt wie ein totes Stück Stoff, sondern es reagiert aktiv auf den Reiz von außen.

Eine Schuldmedizinerin untersucht die Akupunktur

Helene Langevin, Professorin an der Harvard Medical School und an der University of Vermont, berichtete darüber in der Fachpublikation „The Scientist“. Die Wissenschaftlerin war über einen Umweg zur Forschung am Bindegewebe gekommen: Sie sieht sich als Vertreterin der Schulmedizin, ließ sich aber in die Kunst der Akupunktur einweisen, um diese Therapieform wissenschaftlich fundiert beurteilen zu können. Dabei erstaunte sie, dass der Kraftaufwand, um Akupunktur-Nadeln vorschriftsmäßig mit einer leichten Drehbewegung einzusetzen, deutlich geringer war, als die Kraft, die benötigt wird, um die Nadeln wieder herauszuziehen. Mit anderen Worten: Einmal eingesetzt, schien das Bindegewebe die Nadel festzuhalten. Langevin untersuchte das Phänomen unterm Mikroskop und sah, dass die Faszien tatsächlich auf den Einstich reagierten. „Sogar eine leichte Drehung (der Nadel) brachte das Bindegewebe dazu, sich wie Spaghetti um eine Gabel um die Nadel zu wickeln.“ In unmittelbarer Nähe des Einstichs fiel der Wissenschaftlerin außerdem auf, dass das Bindegewebe leicht gedehnt wurde und dass sich die Zellen der Faszien neu anordneten.

Eine Vielzahl von Prozessen begleitet die Dehnung

Ähnliche Veränderungen zeigte das Bindegewebe, wenn es 30 Minuten lang mechanisch gedehnt wurde, wenn Langevin also Gewebe zwischen ihre Hände nahm und leicht auseinanderzog. Dabei konnte die Wissenschaftlerin eine ganze Reihe von mechanischen und chemischen Prozessen beobachten. Sie beschrieb unter anderem, dass die so genannten Fibroblasten, die für die Produktion von Collagen zuständig sind, eine neue Form annahmen. Außerdem veränderte sich die molekulare Oberfläche der Bindegewebszelle, und es wurden Moleküle freigesetzt, die die Fähigkeit der Zelle beeinflussen, mit ihrer Umgebung zu kommunizieren. Zu diesen Stoffen gehört ATP, das für die Reizübertragung im Körper wichtig ist, gleichzeitig aber auch in Stoffe umgewandelt werden kann, die schmerzmindernd wirken. Mit anderen Worten: Unter dem Einfluss der Dehnung verändern die Faszien ihr Webmuster – und zwar so nachhaltig, dass das Bindegewebe den Muskeln und Knochen, die es umgibt, eine neue Form verleiht. Und es können dabei Schmerzen gelindert werden.

Verdicktes Bindegewebe im unteren Rücken geht mit Schmerzen einher

Möglicherweise treten verwandte Effekte ein, wenn sich das Bindegewebe im umgekehrten Fall – bei unzureichender Dehnung – verdickt. Einen Hinweis darauf gaben Untersuchungen, die Langevin per Ultraschall an Menschen mit Schmerzen im unteren Rücken vornahm. Bei den Patienten war der Anteil kompakten Bindegewebes im unteren Rücken erhöht, und es schien, als konnten die einzelnen Schichten der Faszien schlecht aneinander vorbei gleiten. Für Langevin war dies ein Hinweis darauf, dass die Faszien bei diesen Patienten ausschlaggebend für Bewegungseinschränkungen und Schmerzen waren.

Studie mit 228 Teilnehmern

Als Schlussfolgerung aus diesen Beobachtungen liegt die Therapieempfehlung nahe, das Bindegewebe etwa durch Rolfing oder Gymnastik so effektiv und nachhaltig wie möglich zu dehnen. Eine Gruppe von Forschern unter der Leitung von Karen Sherman am Group Health Research Institute in Seattle führte dazu einen Patientenversuch durch. An der Studie beteiligten sich 228 Erwachsene, die seit mindestens drei Monaten lang unter Schmerzen im unteren Rücken litten. Sie wurden auf drei Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe nahm über zwölf Wochen hinweg an Yoga-Übungen teil, die zweite wurde über den gleichen Zeitraum hinweg von einem Trainer in Stretching-Übungen eingewiesen. Die Teilnehmer sollten zu Hause an den Tagen, an denen sie nicht zum Kurs kamen, mindestens 20 Minuten lang üben. Die Patienten in der dritten Gruppe bekamen lediglich ein Buch mit Informationen über die Ursachen ihrer Rückenbeschwerden sowie Tipps für eine gesunde Lebensweise und stärkende Gymnastik.

Das Ergebnis des Versuchs war eindeutig: Die gedruckten Informationen brachten den Patienten nicht besonders viel. Die Yoga- und die Stretching-Kurse jedoch führten zu einer deutlichen Besserung der Symptome. Noch ein halbes Jahr nach dem Versuch gaben die Teilnehmer an, ihre Beschwerden hätten sich gegenüber früher gebessert. Überrascht waren die Forscher davon, dass die Yoga-Schüler nicht besser abschnitten als diejenigen Patienten, die einfach nur mit Dehnübungen an ihrer Beweglichkeit gearbeitet hatten. „Wir erwarteten, dass die Rückenschmerzen stärken auf Yoga ansprechen würden“, sagte Sherman – schließlich biete die fernöstliche Tradition nicht nur mechanische Stimulation, sondern auch wohltuende Elemente der Meditation und Philosophie.

Dehnen wirkt auch ohne Om

Diese schienen jedoch für den Einfluss auf den Bewegungsapparat unerheblich zu sein. Gemäß der Studie kommt es nur auf die pure Gymnastik und die Dehnung von Faszien, Muskeln und Sehnen an – eine herbe Erkenntnis für Menschen, die auf Kerzen, Duftstäbchen und das gemeinschaftliche Om schwören. Und eine ermutigende Nachricht für leidgeplagte Patienten, die Rolfing mit Yoga oder anderen Formen von Dehnübungen kombinieren: Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Bindegewebe darauf anspricht, ist groß – egal, ob sie sich von den vielfältigen esoterischen Botschaften aus der Yoga-Szene angesprochen fühlen oder nicht.

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